Deutschland 2026: Gute Gründe für Optimismus
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Warum jetzt über Optimismus sprechen? Es hagelt derzeit Hiobsbotschaften und schlechte Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft: Täglich werden neue Entlassungen im Industriesektor angekündigt, Werksschließungen nehmen zu. Seit November 2018 hat Deutschland mehr als 250.000 Industriearbeitsplätze verloren, und die Industrieproduktion ist um mehr als 15 Prozent gefallen. Die für Freitag erwarteten Auftragseingänge für den Oktober dürften an diesem Bild voraussichtlich wenig ändern.
Quellen: Bloomberg, Metzler; Stand: 30.9.2025
Die Ursachen dieser Entwicklung liegen zum einen im Inland. Deutschland leidet unter einer unzureichenden Infrastruktur, einem schwachen Bildungssystem, einer ausgeprägten Überregulierung sowie einer unzureichenden Finanzierungsinfrastruktur für junge Unternehmen. Diese strukturellen Faktoren wirken im Wesentlichen langsam und zehren die Wettbewerbsfähigkeit über Jahre hinweg aus.
Zum anderen wirken externe Faktoren zunehmend belastend: Der aggressive, von der chinesischen Regierung gestützte Exportkurs – unter anderem durch unterdrückten Konsum im Inland, um den Exportsektor besonders wettbewerbsfähig zu machen – setzt große Teile der deutschen Industrie unter erheblichen Druck. Hinzu kommt der belastende US-Handelskonflikt. Diese externen Faktoren wirken im Gegensatz zu den internen Strukturproblemen schnell und mit hoher negativer Intensität.
Höhere Staatsschulden als Preis für Stabilisierung der Wirtschaft
Die Erfahrungen Japans in den vergangenen Jahrzehnten zeigen, wie gefährlich diese Kombination sein kann: In einer bereits stagnierenden Volkswirtschaft können zusätzliche negative Schocks aus dem Ausland die Wirtschaft rasch aus dem Gleichgewicht bringen und in eine tiefe Rezession stürzen. Die japanische Regierung sah sich wiederholt gezwungen, kurzfristig umfangreiche Ausgabenprogramme aufzulegen, um die Konjunktur zu stabilisieren. Die Folge war ein sprunghafter und letztlich unerwünschter Anstieg der Staatsverschuldung.
Übertragen auf Deutschland bedeutet dies: Hätte die Bundesregierung im März nicht deutlich höhere Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung beschlossen, wäre die deutsche Wirtschaft heute mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine konjunkturelle Abwärtsspirale geraten – mit ähnlichen Mustern wie in Japan. Ein Anstieg der Staatsschulden war damit faktisch unvermeidlich; die eigentliche politische Entscheidung bestand nicht in der Frage „Schulden – ja oder nein?“, sondern im Zeitpunkt und in der Ausgestaltung der zusätzlichen Ausgaben.
Vor diesem Hintergrund war es ökonomisch sinnvoll, dass die Bundesregierung proaktiv – also noch vor Eintritt einer schweren Wirtschaftskrise – eine Erhöhung der Staatsausgaben beschlossen hat. Dies schafft Planungssicherheit für Politik und Unternehmen. Die Erwartung deutlich steigender Verteidigungsausgaben in den kommenden Jahren führt bereits heute zu höheren Investitionsausgaben der Rüstungsunternehmen und wirkt damit stabilisierend auf die wirtschaftliche Entwicklung.
Quellen: Internationaler Währungsfonds, Metzler; Stand: 30.9.2025
Fiskalimpuls: 0,9 %-Punkte; Haushaltsdefizit 2025: -2,5 % des BIP; Haushaltsdefizit 2026: -3,4 % des BIP
Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass das deutsche Staatsdefizit von rund 2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) in diesem Jahr auf etwa 3,4 Prozent des BIP im Jahr 2026 steigen wird. Die Differenz von rund 0,9 Prozentpunkten des BIP bezeichnet man als Fiskalimpuls. Bereits 2009 und 2020 gab es starke fiskalische Impulse, die jedoch im Wesentlichen den Einbruch der privaten Nachfrage abfederten.
Diesmal liegt der Unterschied darin, dass der Fiskalimpuls früher und gezielter ansetzt: Er soll nicht nur einen bereits eingetretenen Kollaps der Nachfrage kompensieren, sondern eine sich abzeichnende Abwärtsspirale verhindern. Genau darin liegt – trotz der aktuell schlechten Nachrichten – die Grundlage für einen vorsichtigen, rational begründeten Optimismus.
Warum ist der Fiskalmultiplikator so wichtig?
Der Fiskalmultiplikator ist entscheidend, weil der bloße Umfang zusätzlicher Staatsausgaben („Fiskalimpuls“) noch nichts darüber aussagt, wie stark das BIP tatsächlich reagiert. Der Fiskalimpuls beschreibt nur, wie viel zusätzliche Nachfrage vom Staat ausgeht. Der Effekt auf das BIP kann jedoch kleiner oder größer ausfallen als dieser Betrag – dann spricht man von einem Fiskalmultiplikator ungleich eins.
Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Sparen statt Konsum: Staatliche Transfers an private Haushalte werden nicht vollständig ausgegeben, sondern zu einem Teil gespart. Der private Konsum nimmt dann weniger stark zu als die Transfers.
- Abfluss ins Ausland: Ein Teil der zusätzlichen Staatsausgaben fließt in Importe. Diese Nachfrage stärkt dann eher die ausländische als die heimische Produktion.
- Volle Auslastung und Verdrängung: Sind die Kapazitäten bereits weitgehend ausgelastet, führen zusätzliche Staatsausgaben vor allem zu steigenden Preisen. Dies kann Leitzinserhöhungen nach sich ziehen, die die private Nachfrage dämpfen oder verdrängen.
- Anschubeffekte für private Investitionen: Staatliche Investitionen – etwa in Infrastruktur – können ein günstigeres Umfeld für private Investitionen schaffen. In diesem Fall steigt das BIP stärker als der ursprüngliche Fiskalimpuls, der Multiplikator liegt über eins.
- Vertrauens- und Arbeitsmarkteffekte: Höhere Staatsausgaben können den Arbeitsmarkt stabilisieren, Arbeitsplatzverluste vermeiden und damit die Zuversicht der Haushalte stärken. Dies kann zu zusätzlichen Konsumausgaben führen und den Multiplikator erhöhen.
Die meisten empirischen Studien ermitteln für die Nachkriegszeit im Durchschnitt einen Fiskalmultiplikator von rund 0,3. Offensichtlich legt der aktuelle Konsens in seinen Prognosen – etwa beim erwarteten Wachstum von nur 1,0 Prozent im Jahr 2026 – eine ähnlich niedrige Größenordnung zugrunde. Zugleich zeigen die Studien aber, dass die Höhe des Multiplikators stark vom jeweiligen Umfeld abhängt. Und genau dieser Kontext ist für Deutschland in den kommenden Jahren entscheidend.
Die zusätzlichen Staatsausgaben konzentrieren sich vor allem auf Verteidigung und Infrastruktur – Bereiche mit vergleichsweise geringem Importanteil. Zugleich ist die Kapazitätsauslastung in der deutschen Industrie nach drei Krisenjahren ungewöhnlich niedrig, sodass zusätzliche Staatsnachfrage kaum private Nachfrage verdrängen dürfte. Hinzu kommt, dass der Realzins leicht negativ ist und damit eher stimulierend auf Investitionen und Konsum wirkt. In dieser speziellen Konstellation spricht vieles für einen deutlich höheren Fiskalmultiplikator, näher bei 1,0 als bei 0,3.
Deutschland: Fundamentaldaten sprechen für einen hohen fiskalischen Multiplikator
Quellen: Eurostat, EZB, Metzler
Ein potenzielles Problem besteht darin, dass ein Teil der Branchen mit besonders geringer Kapazitätsauslastung nur begrenzt von höheren Staatsausgaben profitieren. Umso wichtiger ist es, die Ausweitung der Staatsausgaben mit Strukturreformen zu flankieren, die den notwendigen Strukturwandel in Deutschland beschleunigen. Gleichzeitig zeigt die historische Erfahrung, dass staatliche Infrastrukturinvestitionen häufig zusätzliche private Investitionen anstoßen. In solchen Phasen kann der Fiskalmultiplikator auf über 1,0 steigen. Hinzu kommt, dass die deutschen Haushalte seit längerem bemerkenswert pessimistisch sind und ihren Konsum zurückhalten. Sollte es gelingen, mit den höheren Staatsausgaben einen Aufschwung einzuleiten und die Stimmung zu drehen, könnten die in den vergangenen Jahren aufgebauten hohen Ersparnisse schrittweise in zusätzlichen Konsum umschlagen – ebenfalls ein Szenario mit Multiplikatoren über 1,0.
Unter dem Strich bestehen damit realistische Chancen, dass die höheren Staatsausgaben einen dynamischeren Aufschwung mit einem deutschen Wirtschaftswachstum von etwa 1,5 Prozent auslösen.
Ein solcher Impuls würde auch auf die Eurozone ausstrahlen und das Wachstum dort auf rund 1,5 Prozent beschleunigen. In den vergangenen Jahren genügte bereits ein Wachstum knapp über der Nulllinie, um die Arbeitslosenquote – derzeit nahe historischen Tiefständen – zu senken. Eine spürbare Wachstumsbelebung könnte daher einen Rückgang der Arbeitslosenquote (Freitag) in der Eurozone auf unter 6,0 Prozent bewirken und damit verbunden eine stärkere Lohndynamik. In diesem Umfeld wäre zu erwarten, dass sich die Inflation (Dienstag) im kommenden Jahr in der Nähe von rund 2,0 Prozent stabilisiert und nicht weiter deutlich zurückgeht. Steigende Löhne im Verlauf des Jahres 2026 würden zudem das Inflationsrisiko für 2027 erhöhen.
Genau deshalb ist der Fiskalmultiplikator so zentral: Er entscheidet darüber, ob ein Fiskalimpuls lediglich zu einem schwachen Aufschwung führt oder Ausgangspunkt für eine robuste, aber potenziell auch inflationsträchtigere Expansion ist.
USA: Fokus auf die Inflation
Die Aussagekraft der ISM-Indizes in Bezug auf die konjunkturelle Entwicklung hat in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen. Bisher ist noch unklar warum. Die Umfrage des ISM-Dienstleistungsindex (Mittwoch) zu den Preiserhöhungsabsichten ist jedoch immer noch hilfreich zur Inflationsprognose. Zuletzt stand der Umfragewert im Einklang mit einer Inflationsrate zwischen 4,0 und 5,0 Prozent. Es wird spannend zu sehen sein, ob sich im November eine Entspannung abzeichnet. Am Freitag wird dann der Konsumentenpreisdeflator ohne Lebensmittel und Energie veröffentlicht, der die Basis für die Inflationssteuerung der US-Notenbank ist. Er dürfte vorerst bei etwa knapp 3,0 Prozent verharren.
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